Zwischen Leben und Tod

Es ist ein kalter, sonniger Tag und wir stehen vor den Toren des Nordfriedhofs in Düsseldorf. Ein Friedhof, ist das wirklich der richtige Ort, um sich Kunst anzusehen, überlegen wir. Und dann sehen wir etwas durch die Tore. Skulpturen stehen bei den Gräbern und wir gehen los.

Trauer und Verzweiflung

Gleich links neben der Friedhofskirche steht sie, eine Frau lehnt an einem Grab, sie weint. Wir sehen zwar keine Tränen, aber sie tupft sich mit ihrem Tuch die Augen ab. Bei Instagram haben wir überlegt, ob sie traurig oder verzweifelt ist. Die meisten von Euch haben für traurig gestimmt. Vielleicht liegt es an der Ruhe, die die Frau ausstrahlt. Bei Verzweiflung stellen wir uns stärkere Gefühle vor. Doch die Frau ist einfach traurig, sie versucht es nicht zu verbergen. Hier ist ihr Ort, an dem sie ihre Tränen fließen lassen kann.

Himmel

Wir gehen weiter über den Friedhof, einen kleinen Hügel hinauf. Hier stehen ältere Grabmäler und eines fällt uns besonders auf. Es ist ein Grabmonument, eine architektonische Nische am Grab. Da gibt es zwei Teile, unten sehen wir eine Frau – sie streckt ihre Arme nach oben, dort schweben Engel, zwei von ihnen wenden sich der Frau zu.

Entweder kommt sie zu ihnen oder die Engel fliegen zu der Frau hinab. Umarmung, daran müssen wir bei den ausgestreckten Armen denken. Bei Instagram haben die meisten von Euch dafür gestimmt, dass die Frau in den Himmel kommt. Sie fliegt dorthin, wird schon erwartet. Oder aber ein Teil des Himmels, vielleicht ihre Kinder, kommen zu ihr. Viel Bewegung gibt es hier, wenig Traurigkeit und dafür viel Hoffnung. Zusammensein, das möchten die Frau und die Engel.

Offenes Ende

Wir bewegen uns auch weiter und zwar zu einem Grab gegenüber. Auf einem Grabstein ruht eine Frau. Sie hat die Augen geschlossen und scheint zu schlafen. Ihr Gesicht sieht friedlich aus. Wir haben uns überlegt wovon sie träumt, die meisten von Euch meinten von der Liebe. Es bleibt ihr Geheimnis, je länger wir sie ansehen, desto ruhiger werden wir auch. Das ändert sich jedoch bei der nächsten Skulptur.

Ein kleines Stück weiter steht die wohl dramatischste Skulptur hier auf dem Friedhof. Eine Frau hält ihren Sohn in den Armen. Doch er gleitet ab, wir sehen, es ist keine lang anhaltende Umarmung, kann es gar nicht sein. Er wird bald fort sein, das fühlen wir. Und wir sehen es an seiner Haltung und an dem Kuss, den die Frau ihm zärtlich auf die Stirn gibt. Möchte sie ihn noch ein letztes Mal halten oder vor dem Tod bewahren? Das eine gehört vielleicht zu dem anderen, was würden wir nicht alles dafür tun, damit der, den wir lieben, nicht geht, damit er bleibt?

Bleiben

Genau um diese Frage geht es auch bei unserer letzten Skulptur. An einer Weggabelung steht ein Paar. Die Frau ist dabei zu gehen, sie wendet sich aber noch einmal zu dem Mann um, der hinter ihr steht. Er hält sie fest, an der Hand und an der Schulter. Was sagt er ihr? Die meisten von Euch haben hierfür gestimmt: Er bittet sie zu bleiben. Und warum er das tut, das wissen wir, weil er sie liebt.

Die Skulpturen hier auf dem Nordfriedhof erzählen uns Geschichten, die wir kennen. Sie handeln von Trauer, Hoffnung, Träumen und vor allem von der Liebe. Von einer Liebe, die bleiben möchte und die wir uns mit Blicken und Berührungen zeigen. Es ist eine Liebe, die ein Happy End braucht, aber nicht immer bekommt. Es ist eine Liebe, die wir trotzdem alle brauchen und für die wir Mut und Hoffnung haben müssen.

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