Die Ballkönigin

Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie hatte das Kleid vor einigen Tagen gesehen. Und sie musste es haben. Der Schnitt, der Stoff, die Farben – dieses Kleid versprach ihr irgendetwas. Sie wusste nur nicht, was es war.

Vier Worte

Aber ein bisschen Hoffnung konnte sie gut gebrauchen. Es war immer noch schwer. Besonders am Abend. Doch es war besser so. Sie beide hatten nicht zusammen gepasst. Obwohl sie es sich so sehr gewünscht hatte. Und sie hatten es auch lange probiert. Aber muss man Liebe wirklich ausprobieren, fragte sie sich im Stillen. Eigentlich sollte sie doch einfach da sein und gelebt werden.

Zu wenig

„Du bist viel zu romantisch“, hatte er ihr immer wieder vorgehalten. Aber war es denn zu viel verlangt, dass er sie mal länger als ein paar Sekunden ansah oder vielleicht überhaupt sah? Dass er ihr ein Kompliment machte oder sich mal mit ihr fallen ließ?

Nein, das war das, was sie wollte. Er konnte ihr das nicht geben. Nur schade, dass es genau an diesem Abend passiert war. So sehr hatte sie sich auf den Ball gefreut. Er hatte ihr ein Kleid geschenkt. Sie war überrascht gewesen. Es war ein schönes Kleid. Aber es sagte ihr nichts. Sie hatte es angezogen, wohl hatte sie sich nicht wirklich gefühlt. Doch egal, sie wollte mit ihm auf den Ball gehen. Eine letzte Chance für ihre Liebe.

Als sie dann zu ihm kam, blickte er sie an. „Ich kann das nicht“, hatte er ihr gesagt. Vier Worte und der Boden schien unter ihr zu verschwinden. Sie waren nicht auf den Ball gegangen. Er war an dem Abend aus ihrem Leben gegangen.

Spiegelbild

Die Kerze flackerte leicht. Es wurde jetzt früh dunkel. Sie liebte diese gemütliche Jahreszeit. Der Sommer, ihr Sommer, war vorbei. Sie blätterte durch die Post und stockte. Ein Brief fiel ihr auf. Es war eine Einladung an sie. Zu dem Ball. Sie hatte nicht mitbekommen, dass er verschoben worden war. Plötzlich hörte sie etwas. Eine leise Musik. Aus der Dunkelheit heraus. Das Lied berührte sie. Und da wusste sie, sie musste zu diesem Ball hingehen.

Die Ballkönigin, Rose Passalboni

Wenige Tage später hatte sie dann das neue Kleid gesehen, sich verliebt und es gekauft. Am Abend des Balls war sie aufgeregt. Sie würde ohne Partner hingehen. Für sie eine große Herausforderung. Alleine im Café sitzen ging mittlerweile. Und doch, sie fühlte sich immer etwas unwohl. Auch ins Kino war sie schon alleine gegangen. „Er konnte leider nicht rechtzeitig kommen.“ Oder: „Er musste zu einem dringenden Termin.“ Das waren die Erklärungen, die sie still den anderen Kinobesuchern zuraunte. Aber nur dann, wenn diese sie zu lange mitleidig anblickten.

Gut, heute Abend war es anders. Immer wieder musste sie an die Musik denken. Sie kannte sie. Aber sie wusste nicht woher. Jetzt aber musste sie sich beeilen. Das Kleid hatte sie schon angezogen. Es fühlte sich gut an. Fast wie ein Teil von ihr. Ein letzter Blick in den Spiegel. Und da war es. Ein Glitzern in ihren Augen. Lange hatte sie es nicht mehr gesehen. Ihr Spiegelbild war anders. Ihre traurige Maske war aufgebrochen. Zum Vorschein kam etwas Bekanntes – ihr altes, fröhlicheres Ich.

Sie blickte an sich herab. Weiß und golden glänzte das Kleid hier in der halbdunklen Diele. Freier Rücken – bedecken oder nicht? Sie entschied sich dafür, ihn frei zu lassen. Sanft spürte sie die Abendluft, als sie aus der Haustür trat. Kalt war ihr nicht. Warme Luft aus Afrika stattete dem Herbst einen Besuch ab.

Der Ball

Als sie ins Taxi stieg, war sie wieder da. Diese schöne Musik. Aber woher kam sie? Doch sie hatte keine Zeit, der Ball würde in wenigen Minuten beginnen. Die ersten Paare tanzten schon. Sie brauchte jetzt einen bestimmten Partner, nämlich ein Glas Orangensaft, an dem sie sich festhalten konnte. Ob er auch kommen würde? Sie hatte den Gedanken gerade zugelassen, als sie ihn auch schon sah. Nicht alleine, wie sie. Sondern mit einer Frau. Ein Stich im Herzen. Doch sie schaffte es, ihm zuzuwinken. Zum Glück kannte er sie gut genug um zu wissen, dass sie keinen Smalltalk wollte.

Im Saal wurde das Licht gedimmt. Jetzt begann der schöne, romantische Teil. Jemand ging an ihr vorbei. Und summte dieses Lied, das sie Zuhause gehört hatte. Sie drehte sich abrupt um. Da stand er im Dunkeln. Sie hatte ihn erschreckt. Denn er war ganz in Gedanken versunken gewesen. Doch er hatte sie erkannt. Seine schöne Nachbarin.

Und auch sie erkannte ihn wieder. Er war gerade nach der Trennung in der Wohnung gegenüber eingezogen. Also hatte sie die Einladung erhalten, dachte er bei sich. Und dann, das war wirklich etwas unheimlich, setzte das Orchester an und spielte dieses Lied. Sein Lieblingslied, das er so oft Zuhause hörte. Und das Lied, dass sie gehörte hatte.

„Möchten Sie zu diesem Lied mit mir tanzen?“ fragte er sie. Sie reichte ihm ihre Hand. Und dann nahm die Musik sie mit sich. Das ist es, fühlte sie. Das ist Romantik, Magie und was auch immer. Sie war glücklich. Genau hier, mit ihm auf diesem Ball.

Als das Lied zu Ende war, wollte er Getränke für sie holen. Er verschwand in der Dunkelheit des Raumes. Und dann wartete sie. Erst ein Lied, dann wurden es zwei und am Ende waren es sechs Lieder. Er kam nicht zurück. Ihr Kleid fühlte sich langsam schwer an. Sie wollte nach Hause. Alle Magie war verpufft. Und da war sie wieder, die Stimme, die ihr sagte: Romantik gibt es nicht.

Zusammen

Still lag die Nacht vor ihr als sie aus dem Taxi stieg. Doch plötzlich löste sich eine Gestalt aus der Dunkelheit. Zusammen mit diesem Lied. Sie trat näher, da stand er. Auf seinem Handy spielte die Musik. Vielleicht ihr Lied. Als sie ihn ansah, wusste sie: Es war ihr Lied. „Ich wusste nicht, ob ich mich traue“, sagte er ihr. „Es war alles so schön. Und ich weiß, dass Du vor nicht allzu langer Zeit noch eine Beziehung hattest.“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.

„Ich habe Dich immer wieder gesehen. Du wirktest so traurig, so allein. Und ich habe Dich bewundert. Denn jeden Tag wurde es besser. Du sahst stärker, bestimmter aus. Wer auch immer es war, er verschwand mehr und mehr aus Deinem Leben. Aber als wir vorhin tanzten, da hatte ich Angst. Denn ich möchte sehr gerne in Deinem Leben sein, wie auch immer. Aber ich weiß nicht, ob Du das auch möchtest. Anstelle Dich zu fragen, bin ich gegangen.“

Sich auf jemanden einlassen, der aus Angst geht? Niemals, raunt ihr Verstand. Aber sie glaubte an sie, an diese Liebe. An eine Liebe, die sich aus Magie und diesen ganz besonderen Momenten ergibt. Er war zurückgekommen und hatte die Magie zurückgebracht. Sie nahm ihn an die Hand. Wieder leuchtete ihr Kleid. Aber sie sah es nicht. Denn sie blickte mit ihm nach vorne, zur Tür. Zusammen gingen sie rein. Und von dem Tag an, gingen sie oft zusammen rein und raus aus diesem Haus.

Ihr Kleid, das hing im Schrank. Von Zeit zu Zeit berührte sie es. Und spürte die Magie dieses Abends, an dem ihre Liebesgeschichte begann. Eine Geschichte, die länger als der Herbst dauern sollte.

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