Ohne Worte

Manchmal brauchen wir sie nicht, die Worte. Wir können das, was wir fühlen, nicht mit ihnen sagen. Vielleicht fühlt es sich einfach besser an, keine Worte dafür finden zu müssen. Vielleicht gibt es in dem Moment auch einfach nicht die richtigen Worte. Doch wir können trotzdem etwas über unsere Gefühle verraten, nämlich mit unserem Körper. Unsere Haltung, unsere Gesten erzählen, wie es uns im Herzen geht.

Alles auf einmal oder lieber nacheinander

Vor ungefähr 500 Jahren startete ein bestimmter Wettstreit. Über mehrere hunderte Jahren gab es von da an eine Konkurrenz zwischen den Künstlern, die Bilder anfertigten, und Künstlern, die Texte, vor allem Gedichte, schrieben. Die Hauptfrage war dabei, welches Medium, also das Bild oder der Text, was am besten konnte. Ein Text kann eine Geschichte nacheinander erzählen, ein Ereignis folgt dem nächsten. Andere argumentierten dagegen, dass ein Bild alles auf einmal zeigen könne. Dem hielten die anderen, die Dichtkünstler entgegen, dass ein Bild nie die Zeit zeigen kann. Alles ist auf einmal dargestellt.

Lassen wir den Wettstreit beiseite, so ist es doch spannend, auch noch heute für uns selber, wie wir etwas an unsere Mitmenschen vermitteln. Wenn uns etwas auf dem Herzen liegt, schreiben wir vielleicht eine Nachricht oder einen Brief. Da können wir dann eins nach dem anderen aufzählen, alles der Reihenfolge nach. Wenn wir aber einem Menschen gegenüberstehen, keine Worte finden, dann sieht er uns und unsere Gefühle auf einmal. Wir sind wie ein Bild, das er lesen kann.

Einsamkeit

Erste Frau, Johnny Morant

Bei Instagram haben wir uns drei Bilder zusammen angesehen. Drei Frauen, ohne Kleidung, in ganz unterschiedlichen Posen. Wir haben überlegt, was uns die Bilder über die Gefühle der Frauen sagen. Die Frauen erzählen uns etwas mit ihren Körpern und ohne Worte. Wir sehen alles auf einmal und versuchen sie zu lesen, die Gefühle der Frauen.

Auf einem weißen Bett liegt die erste Frau, ihre Beine hat sie an ihr Kinn hochgezogen und dabei den Kopf gesenkt. Sie hat sich zu einer Art Kugel zusammengrollt. Fast die überwiegende Mehrzahl von Euch hat empfunden, dass sie einsam ist. Kaum jemand hat gemeint, dass sie sich geborgen fühlt. Ihre Körperhaltung drückt Trauer aus. Fast sieht es aus, als ob sie sich selber umarmt, da kein anderer es tut. Die Frau könnte sich auch vor der Welt um sie herum verbergen, eine Welt, in der sie einsam ist. Ganz für sich allein, traurig und einsam, versucht sie so zu sich zu finden. Und wir wünschen ihr, dass sie in einigen Augenblicken oder etwas später, sich wieder öffnen kann. Das würden wir dann an ihrer Körperhaltung sehen, wenn sie sich nicht mehr verkriecht und zusammenrollt.

Mut sammeln

Zweite Frau, Johnny Morant

Etwas offener erscheint uns die zweite Frau. Wir sehen einen Teil ihres Gesichts. Aber auch sie hat die Beine angezogen. Ihr Kopf ruht auf dem Knie, sie wirkt in Gedanken versunken. Hier waren die Ergebnisse besonders spannend. Die Hälfte von Euch hat empfunden, dass sie an etwas denkt, das sie Mut kostet. Also, sie nimmt sich einen Moment Zeit, kehrt in sich, bevor es dann los geht.

Die andere Hälfte von Euch meinte, dass die Frau an etwas Trauriges denkt. Die Frau hält sich an sich selber fest, ruht sich auf sich aus. Doch das wirkt nicht ganz so verzweifelt, wie bei der ersten Frau. Im nächsten Moment könnte sie ihren Kopf heben, aufstehen und loslegen.

Auf die Liebe warten

Dritte Frau, Johnny Morant

Für einen Moment verharren, nachdenken, bei sich selber sein, sich umarmen – das sehen wir ebenfalls bei der dritten Frau. Auch sie hat die Beine angezogen, doch sie hebt ihren Kopf. Die Frau blickt auf einen Punkt in der Ferne. Die Farben des Bildes sind viel heller, fast schon warm. Die meisten von Euch haben gemeint, dass sie sich nach Liebe sehnt. Weniger dachten, dass sie glücklich mit sich selber sei. Es ist der Blick von der Frau, der vieles sagt. Er drückt etwas Suchendes aus. Die anderen beiden Frauen sind bei sich, aber sie scheint zu warten.

Sehen wir uns die drei Bilder an, so ergeben sie eine Abfolge und uns erzählen uns die Geschichte der drei Frauen. Dabei sind es die jeweiligen Körperhaltungen der Frauen, die uns vieles sagen. Die Geschichte handelt von der zusammengekrümmten, einsamen Frau, die die Welt ausschließen möchte, dann von der Frau, die sich aufgerafft hat, in sich ruht und noch einen Moment braucht, um Mut zu sammeln. Am Ende der Geschichte tritt dann die Frau auf, die auf etwas wartet, für das sich sich bereit fühlt. Etwas so Warmes und Schönes wie die Liebe.

Mit ihren Beinen, Armen und Blicken sagen uns die Frauen in den Bildern, was sie fühlen, was ihr Herz bewegt. Wir können Worte dafür nehmen, um das zu beschreiben. Genauso gut können wir aber auch die Bilder auf uns wirken lassen und das nachfühlen, was die Frauen im Herzen bewegt. Die Bilder geben uns beide Möglichkeiten.

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