Lieben

Plötzlich war er da. Ohne jegliche Vorwarnung. Keiner von beiden hatte erwartet, dass dieser Streit alles so verändern würde. Oder vielleicht anders: Von da an war es ihnen beiden bewusst. Im Laufe der Zeit hatten sie etwas verloren.

Es war ein ruhiger Abend und sie hatte ihn um etwas gebeten. Vielleicht war ihr Tonfall eine Ahnung zu irritiert gewesen. Und vielleicht hatte er etwas zu patzig reagiert. Dieses Gespräch um eine Kleinigkeit hatte es schon unzählige Male gegeben. Und beide waren es so satt. Denn über viel anderes sprachen sie nicht mehr. Sie hatten einen gemeinsamen Alltag, aber beide ihr eigenes Leben. Ohne viele Berührungspunkte.

Vier Worte

Sie berührten sich jetzt kaum noch. Ein flüchtiger Kuss war das Höchstmaß. Irgendwann hatten sie es gar nicht bemerkt, dass sie sich nicht mehr richtig küssten. An diesem Abend, inmitten des Streits, sprach er das aus, was sie am meistens fürchtete: „Ich brauche eine Pause.“ Diese vier Worte, sie wollte das nicht. Sie hatte Angst vor dem Ungewissen, was sich vor ihr auftat.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war er noch da. Sein Satz klang nach, eine unsichtbare Drohung hing in der Luft. Die Tage vergingen. Sie schliefen nicht mehr in demselben Zimmer. Schlimmer ging es nicht für sie. Und da entschied sie: Wenn er nicht ging, dann würde sie es tun.

Sie packte ihre Koffer und stellte diese in den Flur. Er konnte sie nicht übersehen. Und doch sah er nicht hin, als er nach Hause kam. Er versuchte gar nicht erst sie zurückzuhalten. Das tat weh und also ging sie. Sie waren schon so lange zusammen, hatten so viele Nächte in derselben Wohnung geschlafen. Die ersten Nächte alleine waren ungewohnt für sie.

Gepackte Koffer

Aber es ging ihr besser. Sie beschloss all das zu tun, wogegen er immer Einwände gehabt hatte. Sie übernachtete in einem Hotel in der eigenen Stadt. Das hatte er immer für sinnlos empfunden. Sie bestellte sich das Essen aufs Zimmer. Er hatte es nicht gemocht, wenn das Schlafzimmer nach Essen roch. Sie badete lange. Er fand das sei Wasserverschwendung.

Als sie eines Abends in der Hotelbar saß, blickte sie ein fremder Mann aufmerksam an. Was für ein schönes Gefühl, dieser begehrende Blick. Sie nahm ihren Mut bei der Hand und ging rüber zu ihm. Er flirtete ganz offensichtlich mit ihr. Und in ihr erwachte eine Hoffnung. Was würde dieser Abend noch alles mit sich bringen? Für einen Abend wollte sie vergessen, all das, was sie so traurig machte.

Dieser neue Mann, alles war so aufregend. Sie konnte jemand anderes sein. Jemand, der nicht mit all den alltäglichen Irritationen verknüpft war. Denn sie hatte es bemerkt, sexy war das nicht. Oftmals an den kleinen Dingen rumzunörgeln. Aber genauso wenig sexy war es, wenn er sich so schnell aufregte. Beide hatten an Sexappeal verloren. Und das war schade. Denn Liebe ohne Begehren ist wie eine warme Sommernacht ohne Romanze. Ein schönes Versprechen, das nicht eingelöst wird.

Je mehr sich die beiden unterhielten, desto mehr wurde ihr klar: sie wollte diesen Mann spüren. Würdest Du wirklich so weit gehen, fragte sie erst sich und dann später ihn in einer Nachricht, die sie ihm schickte. Er hatte sie gelesen, diese Nachricht. Und doch zögerte er. Dann schrieb er ihr: „Das geht über mein Limit.“ Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie hatte sich schon in seinen Armen gesehen. All das Flirten und dann doch nichts. Da kam die nächste Nachricht von ihm: „Wir sind doch beide verheiratet.“

Wann hatte ihr Mann sie das letzte Mal in den Armen gehalten? Das war lange her. Viel zu lange. Sie packte ihre Sachen und verließ abrupt das Hotel. Eine plötzliche Sehnsucht hatte sie gepackt. Könnten sie nicht diesen Streit, all die täglichen Irritationen hinter sich lassen? Als sie fast zu Hause angekommen war, war sie davon überzeugt.

Heimkehr

Leise schloss sie die Tür auf. Sein Duft, der Duft ihres gemeinsamen Lebens strömte ihr entgegen. Da spürte sie plötzlich, wie sehr sie ihn vermisst hatte. Und das nicht erst seit ihrem Streit. Schon viel früher hatte sie begonnen den Mann zu vermissen, in den sie sich einst so verliebt hatte. Wie bewahrt man eine Liebe – eine Antwort wusste sie darauf nicht. Aber sie wollte sie finden. Genauso wie ihn. Also sah sie im Schlafzimmer nach. Aber er war nicht da.

Umarmung, Suzanne Northcott

In der Eile hatte sie nur einen Mantel über ihr Nachthemd geworfen. So stand sie nun in ihrem Schlafzimmer. Im Nachthemd und alleine. Sie konnte an seinem Bett sehen, dass er darin geschlafen hatte. Sie legte sich rein und spürte seine Wärme. Aber wohin war er gegangen? Sie stand auf und sah nach, sein Koffer war fort.

Sie fühlte sich unendlich traurig. Es war einfacher gewesen diejenige zu sein, die ging. Denn die ganze Zeit über hatte sie gewusst, dass er Zuhause war. Und insgeheim hatte sie auch gehofft, dass er auf sie wartete. Irgendwie sind sich alle Liebesgeschichten ähnlich, dachte sie. Wir warten aufeinander, wir kommen zusammen. Manchmal für einen Flirt an einem Abend, manchmal für etwas länger. Und manchmal für viel länger.

Sie hörte plötzlich ein Auto auf der Straße und sah nach. Zwei Polizisten stiegen aus und gingen in Richtung ihres Wohnhauses. Da wusste sie es, ihm war etwas passiert. Jetzt würden sie gleich bei ihr klingeln und versuchen, es ihr möglichst schonend beizubringen. Schnell verkroch sie sich wieder im Bett. Trotz ihrer Sorge, muss sie eingeschlafen sein. Völlig erschöpft von dieser Nacht.

Sie wachte auf und horchte in die Dunkelheit hinein. Im Flur brannte das Licht. Sie war völlig verwirrt. Langsam tapste sie in die Richtung des Lichts. Bevor sie alles genau sehen konnte, spürte sie, wie er sie zu sich hob. Sie ließ sich fallen, denn sie wusste, dass seine Arme sie tragen würden. Wie lange sie da saßen, sie auf seinem Arm, konnten beide später nicht sagen. Vielleicht so lange, bis sie beide wussten, sie schaffen es.

Neue Liebe

Noch immer in seinen Armen, erzählte sie ihm von den letzten Tagen und von diesem Abend. Sogar auch von dem Flirt. Sie wollte einen Neuanfang mit allem was dazugehörte. Und das waren auch Offenheit und Ehrlichkeit. „Ich wollte Dich zurückholen“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Als ich am späten Abend aufwachte, wusste ich es. Ich fuhr zu Deinem Hotel, aber Du warst nicht mehr da. Ich bin dann zu anderen Hotels gefahren, um Dich zu suchen.“

„Und dann hast Du mich hier gefunden. Hier, wo so vieles begonnen, aber auch aufgehört hat“, sagte sie. „Ich möchte unsere Liebe wiederfinden“, sie blickte ihn an. „Ich habe meine heute Nacht wiedergefunden“, erwiderte er. „Ganz fest halte ich sie gerade in meinen Armen.“ Vielleicht gibt es nicht die eine Liebe. Sondern viele verschiedene Arten von Liebe, die zwei Menschen im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit verbinden. Welche Liebe es auch immer sein mag, sie soll sie glücklich machen.

Auf sie beide wartete nun eine neue Liebe. Eine neue Liebe füreinander. Diese Liebe wusste, was alles passiert war. Und begann in dieser Nacht. Beide wussten, dass sie anhalten konnte, ihre Liebe. Aber dafür mussten sie wieder beginnen, ihre Leben zu teilen, ihre festgefahrenen Rollen aufzugeben. Doch das würde ihnen leicht fallen. Auch das spürten sie in dieser Nacht.

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