Sandspuren

Als sie heute am Strand entlang ging, fühlte sie sich nicht allein. Der Wind war da. Ganz leicht. Er spielte mit den Wellen und mit ihrem Kleid. Sie spürte den Wind auf ihrer Schulter. Da plötzlich fühlte sie etwas anderes. Genau an dieser Stelle hatte auch er sie berührt. Letzte Nacht. Sie hatte bis jetzt versucht, nicht daran zu denken. Aber jetzt ging es nicht mehr.

Eine Nacht

Wer hatte eigentlich festgelegt, bei der wievielten Verabredung man sich wie nah kommt? Sie hatte es im Hinterkopf gehabt. Ein Kuss beim ersten Date. Mehr besser nicht. Aber wenn das Herz etwas möchte, zählen solche Gedanken nicht. Essen und dann war alles so gekommen. Ganz viel Nähe, viel Leidenschaft. Eigentlich komisch. Komisch schön. Wie konnte man sich einem Menschen so nah fühlen kann, den man noch gar nicht so gut kannte. Aber dann, wann kennen wir jemanden schon gut? Nach 2 Stunden oder 2 Wochen?

Jetzt würden sie sich erst einmal einige Zeit nicht sehen. Aber vielleicht danach, bald wieder. Das hoffte sie. Und dieses zweite Treffen kam schneller als gedacht. Wieder ein Essen, eine schöne Nacht. Am nächsten Morgen ging sie wieder am Strand spazieren. Aber dieses Mal dachte sie gerne an diese Nacht. Es war noch intensiver gewesen. Er hatte ihr Herz und ihren Körper berührt. Glück – das hatte sie so sehr gespürt, dass sie meinte, es anfassen zu können.

Sie versuchte nicht zu viel über die Zukunft nachzudenken. Doch da war diese eine Frage: Wie geht es weiter? Und vor allem: Sind wir jetzt zusammen? Die zweite Frage war gefährlich. Hatte sie diese in der Vergangenheit mal gestellt, war eine Antwort eher ausgeblieben.

Es folgten weitere Essen und gemeinsame Nächte. Oft ging sie danach am Strand spazieren. Der Wind war ihr Begleiter. Am Anfang war da ganz viel Glück. Aber jetzt kam etwas anderes dazu. Sie fühlte sich unzufrieden. Ihm schien das zu genügen, diese unverbindliche Leidenschaft. Aber sie sehnte sich nach mehr. Nach einer Bindung, einer Verbindung.

Ist es Liebe?

Eines Abends fragte sie ihn dann. „Wie soll es mit uns weitergehen?“ Er blickte sie erstaunt an. „Es geht doch alles gut so. Wir haben doch eine schöne Zeit, oder?“ „Ja, eine schöne Zeit. Aber ich möchte mehr mit Dir haben. Ich möchte mehr als Essen und das Schlafzimmer mit Dir teilen.“ „In den meisten Beziehungen ist das schon viel“, sagte er lächelnd.

Und da wurde es ihr bewusst. Für ihn hatten sie eine Beziehung. Das war das, was er sich unter einer Beziehung vorstellte. An diesem Abend ging sie direkt nach dem Essen. „Gehst Du morgen wieder an den Strand?“ fragte er sie noch. Sie nickte. „Immer den gleichen Spaziergang, ist das nicht langweilig?“ Und da begriff sie auch das: Für ihn war es nur ein Spaziergang, für sie war es mehr. Ein Gang zu sich, ein Gang, bei dem sie ihr Herz sprechen lassen konnte.

Frau am Meer, Monika Luniak

Zusammen gehen

Der Strand wurde zu ihrem Lieblingsort. Als sie eines Tages wieder den Sand unter ihren Füßen fühlte, sah sie ihn. Er ging unten am Wasser. Blickte dabei immer wieder auf die Wellen. Langsam kam sie näher. Als er sie ansah, spürte sie einen Stich im Herzen. Sie merkte, wie sehr sie ihn vermisst hatte.

„Ich wollte Dich sehen“, sagte er erklärend. „Warum hast Du nicht auf meine Anrufe reagiert?“ fragte er weiter. „Ich weiß es nicht“, log sie. Doch dann platzte es aus ihr raus: „Es war nicht genug.“ Er sah sie an. „Das habe ich mir schon gedachte“, sagte er zu ihrer Überraschung. „Nur, wie soll ich es sagen, mich hat es glücklich gemacht. Und deshalb dachte ich, dass es Dich auch glücklich macht. Doch als Du dann weg warst, hatte ich Zeit zum Nachdenken. Und ich habe mich gefragt, warum Du so gerne an diesem Strand spazieren gehst. Ich wollte es rausfinden. Und deshalb bin ich heute hierhergekommen.“

Sie konnte es ihm nicht erklären. Und eigentlich wollte sie es auch nicht. Es gibt Dinge, die muss man spüren, selber fühlen. Also gingen sie heute zusammen. Und das taten sie danach immer wieder. Eines Tages fragte er sie dann, ob sie danach noch etwas zusammen essen sollten. Und das fühlte sich gut an.

Als sie vom Strand gingen, drehte sie sich noch einmal um. Da sah sie ihre Spuren im Sand. Vier Fußabdrücke. Manchmal etwas weiter voneinander entfernt. Und manchmal enger zusammen. Aber sie waren zusammen gegangen. Da nahm sie seine Hand. Sie würden weitergehen. Zusammen. Er blickte sie fragend an: „Bist Du glücklich?“ „Ja“, sagte sie. Und das tat gut, das zu sagen, was sie in ihrem Herz fühlte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.